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Das Zeichen

"Wir sollten ein Zeichen setzen"!, diese Worte hallten nun bestimmt schon zum zwanzigsten Mal durch die Beratungshalle in Thyrin Elomain, der Hauptstadt der Waldelfen. Der durch Magie geformte und vollständig aus lebenden Holz bestehende Saal war so voll wie schon lang nicht mehr. "Keiner kann die Zeichen übersehen". Mirolam, der augenblickliche Sprecher des Rates der Druiden war aufgestanden und versuchte mit ruhiger, aber fester Stimme, den nun wieder aufflammenden Diskussionen Einhalt zu gebieten. "Bitte, meine Kinder, bitte, jeder, der etwas zu sagen hat, kommt an die Reihe". Aber hört euch zunächst an, was der Rat zu sagen hat". Er nickte den wohl jüngsten Mitglied weisen Druiden zu. Dieser stand langsam auf und begann mit feierlicher Stimme zu sprechen: "Der lange, harte Winter hat in den Sterblichen längst vergessene Tugenden zu Tage gefördert. Sie gehen nun wieder verantwortungsvoller mit der Natur um.

Der Druide unterbrach kurz seine Rede, um abzuwarten, bis das nun im Saal anschwellende Gemurmel wieder abgeebbt war. "Es ist wahr, nicht alle Menschen haben eingesehen, dass einzig die Natur dazu in der Lage ist, sie zu nähren und zu kleiden. Aber wir sollten uns denen zuwenden, in deren Seele sich ein Wandel vollzogen hat. Titania beherbergt augenblicklich eine große Anzahl von Würdenträgern aus den umliegenden Landen. Und alle begehren das Gleiche. Alle möchten wieder Kontakt zu den Naturgeistern. Und Oberon, ganz gleich, wie er sich letztlich entscheiden wird, ist überzeugt, dass es sich dabei um einen Neubeginn handelt. Und dieser Meinung ist auch der Rat."

Die letzten Worte hatte der Druide mit besonderem Nachdruck gesprochen. Nun aber, da er geendet hatte, setzte er sich wieder auf seinen Platz und der gesamte Rat wartete nun auf die Reaktionen der in der Halle versammelten Waldelfen. Zunächst aber geschah nichts. Es war sehr still geworden im Saal. Scheinbar überdachte jeder das eben gehörte und versuchte nun, sich erneut eine Meinung zu bilden. "Schön und gut, soll es ein Neuanfang sein". Eine ziemlich junge Frau war aufgestanden und sah sich unentschlossen um. "Um so besser für sie und auch für uns". Aber wäre nicht die Reihe an den Sterblichen, ein Zeichen zu setzen. Noch vor kurzer Zeit versuchten die gleichen Menschen, die Euch, weiser Rat und auch Oberon so sehr erfreuen, mit Feuer und Schwert unser Land zu erobern". Die Stimme der jungen Elfe war lauter geworden. Und man sah es ihrer Mine an, dass sie verbittert war. "Wie viele Naturgeister mussten damals ihr Leben lassen, um unser Reich zu erhalten". Und nun sollen wir ein Zeichen des Friedens und der Freundschaft setzen; ein weiteres Zeichen? Ihr rannen Tränen der Wut und der Verzweiflung über die Wangen. Sie schluckte kurz, atmete tief durch und dann zwang sie sich, so ruhig wie möglich weiterzureden. "Wir haben die Flüchtlinge aus Clanthon aufgenommen. Wir haben Ihnen Nahrung, Kleider und ein neues Zuhause gegeben!!! Ist das nicht genug?

Während die junge Elfe nun endgültig ihre Fassung verloren hatte und weinend aus der Halle rannte, spürte jeder Einzelne im Saal die Betroffenheit und Hilflosigkeit, die um sich gegriffen hatte.

Da stand plötzlich Finyen del Lian, die sich als Gast in Thyrin Elomain befand, von ihrem Platz neben dem Rat auf und begann mit fester Stimme zu den Versammelten zu sprechen.

"Ja, jeder von uns hat in diesen sinnlosen, grausamen Kriegen Freunde und Verwandte verloren. Es wird bestimmt unmöglich sein, all dies Unrecht zu vergessen. Glaubt mir, niemand weiß das besser als ich". Finyens Augen starrten kurz in Ferne. Dann schüttelte sie den kaum merklich ihren Kopf, um die Schrecken, die sich in ihr Bewusstsein bohrten zu vertreiben. "Vergessen, nein, bestimmt nicht; aber versuchen zu verstehen, das können wir. Finyens graue Augen wanderten durch den ganzen Saal. "Und vielleicht sogar verzeihen". Diese letzten Worte der Silberelfe waren geradezu beschwörend gewesen. "Verstehen und Verzeihen, das sollten wir alle tun, und uns nicht hinter dem Leid von Flüchtlingen verstecken. Ihre Schrecken sind größer als die unseren, denn sie haben Freunde, Land und einen Teil ihrer Identität verloren. Und glaubt nicht, wir könnten ihnen jemals ihre Heimat ersetzen. Einen Platz zum Leben, ja, aber ihre Heimat, nein, die kann ihnen nichts und niemand je zurückgeben. Denkt bitte daran, auch unsere Brüder und Schwestern aus dem Feenwald, welche die Clanthonier Holde nennen, haben bei uns Zuflucht gesucht. Selbst wenn diese armen Leute eines Tages in ihr Land zurückkehren, glaubt mir, es wird nie wieder das sein, was es für sie gewesen war".

Im Saal herrschte nun bedrückende Stille. Finyen aber lächelte kurz verschmitzt als sie sich wieder setzte. Sie hatte mit diplomatischen Geschick die Stimmung der Menge zu Gunsten der Sterblichen verändert. Nun würde hoffentlich alles gut werden.

Nun aber ergriff Vanyar yil Kaylbor das Wort. Ruhig und bedacht begann er zu sprechen. "Ich weiß, es ist schwer, all unsere Besorgnis und unser Misstrauen zu überwinden. Aber ich muss Finyen recht geben. Wenn auch nur eine Handvoll Menschen unsere Botschaft verstehen und die Natur zukünftig achten, dann war es die Mühe wert. Und ich glaube, wir haben die Macht, gerade jetzt, wo die Not der Sterblichen am Größten ist, denen Mut und Hoffnung zu geben, die Augen haben, um zu sehen und Ohren um zu hören". Daher ist es mein Vorschlag, dass wir Waldelfen im Tieflandstreifen einige neue Dörfer gründen".

Vanyar holte tief Luft, um Zeit zu gewinnen. Scheinbar suchte er nach den passenden Worten, während er von allen Anwesenden neugierig oder auch misstrauisch gemustert wurde. "Früher einmal, in glücklicheren Zeiten, gab es in fast jedem Wald Elfen. Nun, schon damals wurden wir nur von denen bemerkt, die reinen Herzens waren. Wenn wir nun damit beginnen, uns langsam wieder in den Wäldern unseres Reiches auszubreiten, werden wir all jenen, welche die Botschaft verstanden haben, neuen Mut schenken. Und auch den Clanthoniern, die nun bei uns leben, könnte diese Geste neue Hoffnung geben. Wer weiß, vielleicht werden wir dann eines fernen Tages wieder in allen Wäldern Magiras eine Heimat finden.

Zum Ende hin war Vanyar Rede geradezu euphorisch gewesen. Er war sich zwar darüber im Klaren, dass er den Versammelten nur eine Zukunftsvision aufgezeigt hatte, aber seiner Meinung nach war die Gründung neuer Dörfer im Tieflandstreifen ein vernünftiger Kompromiss zwischen Gegnern und Befürwortern einer Öffnung nach draußen.

Und nachdem der Vorschlag des Schmiedes ausführlich diskutiert worden war, wurde dieser schließlich angenommen. Bei der Entscheidung spielte vor allem die Möglichkeit des sofortigen Rückzugs eine enorme Rolle. Aber wer wollte es ihnen verübeln.

Am späten Abend dann, bei einem (be)rauschenden Fest, setzte sich Finyen zu Vanyar ins Gras und grinste ihn vergnügt an. "Ich wusste gar nicht, dass du ein so begabter Redner bist". Die Silberelfe hatte den Schmied einmal mehr überrumpelt. So entgegnete der Waldelf nur: "Ich auch nicht".

"Übrigens, ich hab mir deinen Vorschlag noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Ich glaube, ich werde deine Idee Oberon unterbreiten. Vielleicht finden auch andere Naturgeister Gefallen an dem Gedanken, sich im Tieflandstreifen niederzulassen."

Mit diesen Worten stand Finyen wieder auf und ging zu einem der zahlreichen Weinfässer, um ihren Kelch erneut zu füllen. Vanyar aber blieb sitzen und wurde sich langsam der Tragweite seiner Idee bewusst. So fiel sein Blick zufällig auf Eyk, der, wie sollte es auch anders sein, zusammen mit einem sehr lieben Freund zusammengerollt im Gras schlief. "Ach Gnisseldrix, was hab ich nur gemacht" brummte er zufrieden. Dann streifte er die ernsten Gedanken ab und er feierte, zusammen mit all den anderen bis zum frühen Morgen.

Vanyar
1997