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EWS-Bericht der Naturgeister 1990

"Nun haltet endlich still, Finyen del Lian!", befahl Delanor, der Zwergenschmied, jetzt ungefähr zum zehnten Mal in der letzten halben Stunde. Das ist also Delanor, der Meisterschmied der Zwerge, dachte Finyen. Man sagte von ihm, seine Rüstungen seien so leicht und glänzend wie ein morgendlicher Tautropfen auf einer Blüte, und dabei so fest und hart wie gutgeschmiedeter Stahl. Sie musste feststellen, dass die Worte der anderen Naturgeister wahr waren. Sie spürte kaum das Gewicht des Kettenhemdes, an dem Delanor zum letzten Mal Maß nahm. "Das war's" brummelte er, und überprüfte kritisch beäugend sein Werk. "Na los Kind, zieh dich richtig an" knurrte er und gab Finyen Waffengurt, Handschuhe, Helm, Arm- und Beinschienen.

Finyen wollte gerade die glitzernde Rüstung über ihre braune Waldläuferkleidung ziehen, als ein feines Stimmchen sie davon abhielt. "Warte Finyen", wisperte Marn, ein kleiner Baumfee, "findest du nicht, du solltest von allen Völkern etwas tragen, wo du doch uns alle vertrittst?" Da wusste Finyen auch schon Bescheid, Rach und Emain kamen, Nachtelfen, sie fühlten sich noch am wohlsten von allen in den Zwergenhöhlen, obwohl sie ebenfalls zu den Feen gehörten. "Wir haben dir etwas mitgebracht" sprachen sie im typischen Singsang der Nachtelfen, "es paßt zu Deinen Augen". Sie breiteten neue Kleider vor Finyen aus. Sie waren von der Art der Waldläuferkleidung, aber die Farbe war mitternachtsblau und es sah so fein aus, dass Finyen glaubte, es würde bei einem Lufthauch zerreißen. Doch als sie es trug war es fest und geschmeidig und es war, als würde sich die Kleidung ihr anpassen. Dann zog sie die Rüstung an. Sie war aus Zwergensilber (wer von den Naturgeistern wusste nicht um ihre Vorliebe für Celvorn, das Zwergensilber, dass nur die Zwerge unter den Naturgeistern zu schmieden vermögen).

"He, hallo, ausziehen, äh anlassen, ach verdammt - aufhören!" hörte Finyen lärmende Stimmen. Erstaunt blickte sie sich um. Dann lächelte sie. An der Tür zu ihrer Kammer stapelten sich zwei Abordnungen Brownies (also ungefähr sechs Dutzend), die sich selbst zu einer Pyramide gestapelten hatten, welche allerdings gerade in sich zusammenfiel als Finyen endlich schaute. "Kobolde" grinste sie. "Auch wir haben etwas für Dich" sagte H'russ, den die anderen als Sprecher vorschubsten. Die anderen gaben ein Amulett frei, es hing an einer Silberkette, der man ansah, dass sie bis vor kurzem noch Zwergen gehörte. Der Anhänger war aus einem undefinierbaren Material, achteckig, und zeigte ein Haus in typischer Koboldbauweise (nichts passte zusammen). "Also wenn du, naja also falls du Mal da draußen Sehnsucht bekommst und ganz schnell nach Hause willst, dann benutz' dieses Amulett.

Komm' einfach zu uns auf die Geisterinsel. Wenn du nicht wiederkommst, welche Lichtelfe sollen wir dann ärgern?" grinste H'russ. "Danke, Jungs", sagte Finyen und versuchte sechs Dutzend Brownies gleichzeitig zu umarmen. Sie hängte sich das Amulett um den Hals und kleidete sich fertig an.

"Warte Finyen, eins fehlt noch" hörte sie bekannte Stimmen hinter sich. Thibor und Morwyn waren gekommen. "Wir wissen, dass du nicht den wahren Glauben hast" sprach Morwyn, "doch trage trotzdem diesen Stirnreif, der Opal in seiner Mitte ist Almal geweiht und soll dich behüten". Den Reif selbst haben die Schmiede der Lichtelfen gefertigt, die wie du Ungläubige sind. Finyen dachte: Morwyn würde sich nie ändern, er brauchte seine Götter. Der Stirnreif war aus Silber und hatte in der Mitte einen schwarzen Opal über den blaue Flammen zuckten, oder nicht? So zog Finyen als letztes den Stirnreif an. "Komm schon Kind!" hörte sie eine knurrige Stimme rufen. "Geh nach oben, sie warten schon auf Dich" sagte Delanor.

Finyen trat aus der Zwergenhöhle in die Nacht hinaus. Die, die kämpfen sollten hatten sich vollständig versammelt, aber auch viele andere waren da. "Seht die Heerführerin", raunte es durch die Menge, "Oberon hat sie ausgewählt, auf dass sie in den Krieg ziehe und uns führe", flüsterte es. Finyen war starr vor Erstaunen und vor Angst, denn plötzlich wusste sie, dass viele von ihren Freunden und vielleicht auch sie selbst nicht mehr heimkommen würden. Auf einmal umwehten Harfenklänge den Platz vor der Höhle, Oberon selbst war endlich gekommen.

"Fingen, träumst Du?", ein Zwergenkrieger stieß sie an. "Ich weiß nicht, Dalin", sagte Finyen, "manchmal kommt mir das alles unwirklich vor." Finyen war auf dem Flaggschiff der Flotte, die von Oberonia wegfuhr. Einhundert silberne Segel Oberons waren unterwegs, um Titania, die neue Hauptstadt in Besitz zu nehmen. Finyen selbst war überrascht, solch ein kunstvolles Bauwerk zu sehen. Es machte sie staunen, obwohl sie Oberons Palast kannte. Im letzten Jahr war es ein offenes Geheimnis gewesen, dass die Feen eine neue Stadt bauten. Die alte sollte aus politischen Gründen der Legion überlassen werden. "Titania", wie die Feenkönigin, Oberons Gemahlin, deren Aussehen und Aufenthaltsort bisher niemand kennt. Doch was war das? Bei der Ankunft am Hafen befanden sich bereits Tausende von Naturgeistern in der Stadt und Oberon stand winkend auf den Zinnen des höchsten Turmes. Nach entsprechenden Begrüßungsfeierlichkeiten rief Oberon Finyen noch in der Nacht des Festes zu sich. "Fingen", sprach er, und seine Stimme klang wie Blätterrauschen, "auch wenn es Dir missfällt, Rotarbiv wird übergeben. Du wirst die Stadt dem Kriegsherren der Legion überlassen und ihm den Segen der Naturgeister geben. Des weiteren wirst Du alle unseres Volkes mit Schiffen auf das Festland transportieren und sie bei den verschiedenen Städten absetzen."

"Ja, mein König! Herr, was ist mit den Schiffen unter dem Banner des Skorpions, die von Wes kommen?" fragte Finyen besorgt. "Nichts, solange sie uns nicht angreifen", grinste Oberon. Finyen erinnerte sich daran, was sie vor dem Rest der vier Völker geschworen hatte, gegen kein anderes Volk Krieg zu führen oder es zu bedrohen und nicht zu kämpfen, bis sie angegriffen würden.

Am Morgen machte sich Finyen auf den Weg, mit ihr gingen zwei Tausendschaften Bogenschützen, die in Foodtsiwollof stationiert werden sollten (wo sollten in einer Zwergenstadt auch Langbögen zu finden sein?). Es wurde ein gefahrvoller Marsch. Ständig kreiste drohend ein Greif in der Nähe des Heeres. Außerdem berichteten Späher vom Reiter der Finsternis. Bald darauf traf Finyen in Foodtsiwollof ein. Nur wenig später war sie auf der Ebene von Lattland, wo sich ein großer Teil des Heeres der Naturgeister befand. Viele Tausendschaften Bögen, Hunderte von Kriegsmaschinen, sogar Quadrigen und Pferde scharten sich um Foodtsiwollof - bis die Schreckensnachricht kam. Ein völlig erschöpfter Kobold brachte Finyen die Todesnachricht: "Heerführerin, der Greif, er hat hundert Belagerungstürme und ebenso viele Onager zerstört, sowie achttausend Mann das Leben gekostet", er brach in hemmungsloses Schluchzen aus. "Wir konnten nichts tun, obwohl alle Bögen ihr Bestes gaben und die Krieger wie Löwen gekämpft haben." Finyen erstarrte und spürte den vielfachen Todesschrei ihres Volkes. Aber sie hatte keine Zeit zu trauern, Besuch kündigte sich an.

Der Magier Quivor Maraq, Heerführer des dunklen Spinnenreiches, bat um eine Unterredung. Nach kurzer Zeit war man sich einig, Quivor selbst durfte mit tausend Mann das Land betreten, die Spinnenflotte die Gewässer durchqueren, wenn auch die Hoheitsgewässer möglichst nicht befahren werden sollten.

In der zweiten Kriegswoche übergab Finyen symbolisch die Stadt Rotarbiv an den Kriegsherren der Legion, obwohl sie schon längst besetzt war. Dann beorderte sie Schiffe zur Insel der tausend Beben um den Transport der Naturgeister nach Hause fortzusetzen. Sie wollte eben mit dem letzten Schiff zum Festland übersetzen, als zwei Luftelfen kamen. "Finyen, auf den Schlangenschiffen unten im Wes ..." Sie verstummten als sie leise Harfenklänge vernahmen. Oberon war gekommen. "Ich weiß", sagte er und lächelte grimmig. "Sie haben die Elfen und Zwerge bedroht, welche auf Corrabheinns Schiffen mitfahren. Das wird nicht noch einmal vorkommen."

Am nächsten Morgen brachen zweihundert vollbesetzte Schiffe mit schwerem, zum Fernkampf geeignetem Kriegsgerät gen Wes auf. Finyen selbst fuhr zurück aufs Festland, während die Onager Oberons Tod und Verderben über die Söldner brachten.
In der dritten Kriegswoche war die Schlacht nicht mehr aufzuhalten: Zusammen mit der Legion vernichteten die Naturgeister (so friedlich wie sie sind, so sind sie doch furchtbar und grausam in ihrem Zorn, wenn sie bedroht werden) die gesamte anwesende Flotte des Söldners. Dies wurde durch den Zorn der Götter begünstigt, den Corrabheinn auf sich herabrief, als er in die Kampfhandlungen eingriff. Als Finyen zurück nach Foodtsiwollof kam, erwartete sie eine weitere Schreckensnachricht. Die Mächte der Finsternis hatten in ihrer Abwesenheit grausam zugeschlagen. Der Schwarze Reiter noch einmal fünftausend Mann und vernichtete hundert Belagerungstürme.

Auch die vierte Kriegswoche sollte nicht besser werden. In der Abenddämmerung des dritten Tages gab es Alarm, viele dachten, es würde nichts passieren, so wie die Tage zuvor, als die Späher das drohende Näherkommen des Greifen verkündeten. Doch dem war nicht so. Grausam war sein Werk, als er die Ebene neben Foodtsiwollof streifte und den Tod brachte. Noch einmal vergingen fünftausend Leben und hundert Belagerungstürme. Doch grausamer war die Nachricht über den Grund des Angriffs. Der Magier der Söldner beschwor finstere Mächte und zwang den Greifen von seinem Weg ab, deshalb überfiel er die ahnungslosen Naturgeister, die glaubten, sich in Sicherheit gebracht zu haben. Dies war die Rache für die Seeschlacht im Wes.

Die fünfte Kriegswoche verlief ruhiger. Sterbliche aus dem Land der Weisen baten um Durchzug, und Oberon gewährte es ihnen, für den Fall, dass sie friedlich blieben. Am sechsten Tag der Woche wollte Finyen die Abenddämmerung genießen und einen guten Wein trinken, als ein vor Angst zitternder Kobold (sehr verwunderlich!) zu ihr kam. "Fingen, da da da will dididich jemand sprechen ...". Finyen bemerkte einen Krieger in schwarzer Rüstung mit silbernen Verzierungen. "Tretet näher, Fremder, und trinkt einen Wein mit mir", sprach sie ihn an, wohlwissend, daß er ein Bote der Finsternis war. "Guten Abend, Finyen del Lian", grüßte der Fremde freundlich und küsste ihre Hand. "Mein Name ist Uthmog, ich bin Coummandani der Heere unter dem Banner der Fledermaus." "Was führt euch zu mir?" fragte Finyen überrascht. "Wie ihr sicher wisst, haben wir ein Abkommen mit der Legion auf der Insel der tausend Beben", lächelte Uthmog liebenswürdig. Finyen erschrak, ließ sich aber nichts anmerken: "Selbstverständlich, was aber hat das Ganze mit mir zu tun"? "Ich habe eine große Bitte an euch und ich bin nicht feindlich gesinnt, das schwöre ich bei meiner Feldherrenehre", sprach Uthmog. "Kommt zur Sache, was ist es?" entgegnete Finyen ungeduldig. "Könnte euer Zauberer eine Tausendschaft meiner Soldaten auf die Insel der tausend Beben transportieren?" fragte Uthmog vorsichtig. Finyen wollte ihn erbost hinauswerfen lassen, vernahm aber in ihrem Inneren eine Stimme: "Gewähre ihm die Bitte, Fingen", Oberon hatte gesprochen. "Einverstanden", versprach sie Uthmog, "aber wage es nie mein Volk anzugreifen...".
"Auf Wiedersehen Finyen del Lian", sagte Uthmog, küsste ihr noch einmal die Hand und verschwand so schnell, wie er gekommen war. Es sollte allerdings nie zu dieser Hilfe kommen ... . Auf Finyens Geheiß machte sich Celrain, Magier der Naturgeister, auf den Weg.
Die nächsten fünf Wochen verliefen recht ruhig, es kam zu einzelnen Scharmützeln an der Rüste der Söldner im Ydd-Wes. Und endlich hatten auch die Götter ein Einsehen mit den vom Greifen geplagten Naturgeistern. Sie gaben Cuadan, dem Heerführer der verbündeten Schlangen, die Kraft, ihn zu vernichten. Als der Greif sich anschickte, erneut die Völker zu vernichten, erlag er Cuadans Bogenschuss, noch bevor er einem Wesen etwas zuleide tun konnte. Dies war in der neunten Kriegswoche und die Naturgeister wollten ein großes Fest feiern, doch dazu kam es nicht mehr. Zunächst wurden heftige Kämpfe von der Grenze zum Steinvolk gemeldet. Das Dunkelreich der Spinne zog gegen das Wüstenvolk. Schnell schossen auf beiden Seiten die Onager, so schnell, dass manche Naturgeister (hauptsächlich Kobolde) sie mit Sternschnuppen verwechselten.

Dann kam die Schreckensnachricht: Zweihundert caswallonische und hundert longotische Schiffe landeten an der Küste von Leckedolk, der Koboldstadt. Von nun an überschlugen sich die Ereignisse. Finyen verhandelte mit Lüder Brandh und Diarmiud Flatha Coraniaid, sie wollte Oberon um Rat fragen. Doch dieser war schon bei Vora Vermion in Caswallon. So genoß Finyen die Verhandlungen mit den beiden Männern, trank mit Lüder und ließ sich von Diarmiud den Hof machen, der ihr nahe legte, sich von ihm zur Dekadenz in Caswallon verführen zu lassen. Man einigte sich auf den Namen "Blumenkrieg". Trotz allem war der Kampf nicht mehr aufzuhalten...

Finyen war inzwischen von Hass erfüllt, als sie zusehen musste, wie immer mehr Krieger an Land gingen. In der zehnten Kriegswoche befahl sie den Angriff. Den Göttern sei Dank waren genug Bogenschützen da. Die Bogensehnen summten und die todbringenden Pfeile vernichteten zweitausend longotische Äxte, tausend caswallonische Schwerter und ebenfalls tausend Bögen.
In der elften Kriegswoche waren die Longoten nahe genug. Groß war die Trauer als Jarn, der Koboldrecke, fiel. Doch seine Freundin Curuyel, eine Bogenschützin der Lichtelben, rächte ihn und tötete den feindlichen Recken mit dem Messer. Nun würde sie Jarns Truppen führen. Doch auch ihr war das Schlachtenglück nicht hold Ein caswallonischer Recke erschlug sie im Schlachtgetümmel vom Pferd aus. Hin und her tobte der Kampf, weitere tausend caswallonische Lanzen wurden getötet.

In der zwölften Kriegswoche verloren die Longoten noch einmal zweitausend -, die Caswallonier tausend Mann. Aber auch die Naturgeister blieben nicht verschont, dreitausend fielen in ehrenhaftem Kampf für die Freiheit ihrer Stadt. Als weitere tausend Bögen fielen, erhöhten die Naturgeister den Truppentransport. Fieberhaft wurden in Oberonia Schiffe beladen und nach Leckedolk geschickt. Ebenfalls wurden die Onager bedient, doch sie brachten, wie seit Anfang des Kampfes kein Glück. Jedes mal gingen die Schüsse fehl.

Nun griff auch die Magie in den Kampf ein. Der longotische Zauberer beschleunigte caswallonische Truppen, eine Entkräftung war unmöglich, da Celrain aufgrund der Unterstützung für die Fledermaus erst auf dem Weg nach Leckedolk war. Wieder fielen tausend der Naturgeister. Diese Grausamkeit motivierte die Naturgeister erneut und sie schlugen brutal zurück. Die caswallonische Reiterei wurde zur Hälfte vernichtet, ebenso tausend Mann Fußvolk. Wieder wurde ein tapferer Krieger, diesmal aus dem Feenvolk für seine Kampfkraft zum Recken befördert. Doch die Freude wurde durch die Nachricht von der Küste des Skorpions erheblich gemindert. Tausend Mann waren inzwischen in der Seeschlacht gefallen.
Finyen stand neben Oberon auf den Zinnen von Leckedolk: "Herr, wie soll es weitergehen?" "Das weiß ich nicht, Finyen. Doch du solltest nicht soviel darüber nachdenken. Komm wieder nach unten und feiere mit uns das vorläufige Ende dieses schrecklichen Krieges." Finyen ging in den großen, warmen Ballsaal, roch den Pfeifenrauch, trank einen Schluck Wein und fühlte sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder glücklich.

Finyen
1990